Aus allen Wolken gefallen

23.12.2013 - Fliegen

Es schien ein ganz normaler Flugtag mit Freunden zu werden. Stefan und ich trafen uns auf halber Strecke zum Pizol und fuhren gemeinsam mit einem Auto zur Talstation. Das Flugwetter war nicht ideal: Viel zu viel Feuchtigkeit von den vorangegangenen Regentagen in der Luft. Oben auf dem Pizol angekommen zogen die Nebelschwaden von Süden und Norden den Hängen entlang hoch und verdichteten sich schon unterhalb des Startplatzes. Ein Start Richtung Süden schien uns wegen der aufkommenden Wolken nicht sicher. Wir entschieden uns gemeinsam mit ein paar Airpole-Schülern wieder auf der Nordseite zur Mittelstation runterzufahren um unterhalb der Basis rauszustarten.
Direkt neben der Station Laufböden fanden wir eine kurze, abschüssige Wiese, welche als Startbahn reichen musste. Über uns zogen sich die Nebelschwaden weiter zusammen und wir warteten ungeduldig, bis wenigstens ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke auf die Hänge vielen um dort hoffentlich etwas Thermik zu produzieren. Ich startete als Erster.

Flug

Um die durch unseren Abstieg zur Mittelstation reduzierten Starthöhe wettzumachen, versuchte ich möglich rasch über einen besonnten Bergkamm zu fliegen, um dort Thermik zu finden. Mein Tages-Ziel war eine Talquerung über Sargans zum Gonzen – wie schon so oft zuvor.
Sofort nach dem Start hielt ich auf den höchsten sonnigen Fleck zu, möglichst nahe am Gelände entlang um keinen Höhenmeter unnötig zu verschenken. Die Rechnung ging auf und ich erwischte rasch die ersten thermischen Ablösungen am Hang und konnte ohne grossen Höhenverlust auf die sonnige Seite queren. Die Thermikschläuche waren aber für einen Sommertag recht schwierig zu zentrieren: Der starke Nord-Wind versetzte die Schläuche gegen den Hang und die Thermik war zudem hart und ruppig, fast frühlingshaft. Ich drehte über den Bergkämmen hoch, musste mich aber immer wieder nahe ans Gelände versetzen lassen, um die Thermik ausdrehen zu können. Es war ein echter Rodeo-Ritt mit einigen abgefangen Seitenklapper. Verbissen versuchte ich jeden gewonnenen Meter Höhe zu behalten und kämpfte mich entlang des Reliefs nach oben.

Absturz

Plötzlich hörte ich über mir ein „FLAPP“ und meine Vorwärtsgeschwindigkeit reduzierte schlagartig auf Null. Ich riss den Kopf nach oben um zu sehen, was mein Schirm machte. Ich war wie immer auf Seitenklapper gefasst, welche sich jeweils über die Bremsleine ankündigen und durch aktives Fliegen verhindern lassen. Aber auf den heftigen Front-Klapper über mir war ich nicht vorbereitet. Der starke Nordwind erzeugte in dem zerklüfteten Relief starke Turbulenzen, welche ich offenbar unterschätzt hatte.
Mein Schirm schmierte seitlich ab und ich kippte wie in Zeitlupe nach links unten weg. Ich versuchte noch meinen Notschirm zu ziehen wurde mir in der Bewegung aber schon bewusst, dass die Höhe nicht reichte. Ich spannte alle meine Muskeln an und dachte: „Sch… nur nicht auf mein kaputtes Knie“. Wenige Sekunden später prallte ich schon auf den Boden auf, überschlug mit einmal vorwärts und bliebe gekrümmt auf der Seite liegen. Die Luft blieb mir kurz weg, aber sofort versuchte ich meine Beine zu bewegen und dachte: „Okay, alles halb so schlimm, Beine kann ich noch bewegen.“ Aber die Hüfte schmerzte. Und auf die rechte Hand konnte ich mich nicht mehr aufstützen. Die muss gebrochen Sein.

Ausharren

Ich richtete mich langsam auf und sah mich um. Ich lag in steilem Gelände verheddert in Leinen. Ich sah nur die Leinen im Gebüsch oberhalb von mir verschwinden, jedoch ohne grossen Zug drauf. Ich begann langsam abzurutschen auf dem nassen Gras im steilen Hang. Ich versuchte mich mit der linken Hand irgendwo festzuhalten konnte mich aber nur knapp an Grassbüscheln halten. Als ich meinen Kopf nach rechts weg vom Hang drehte, war ich schockiert… nur rund 1,5 Meter unterhalb meiner Absturzstelle mir war einen Felskante auszumachen und der steile Hang schien in eine senkrechte Wand überzugehen. „Jetzt musst du dich noch mal zusammenreissen. Mach jetzt bloss keinen Fehler!“ sagte ich zu mir.
Irgendwo aus meinem Gurtzeug drang Gabis Stimme und den Funkspruch „Pilot abgestürzt… sofort Rega alarmieren!“. Ich konnte nicht antworten – musste mich erst selber sichern. Ich überlegte, ob ich nicht doch lieber liegen bleiben sollte, um meinen Rücken zu schonen. Lange konnte ich mich aber mit einer Hand nicht mehr halten. Das glatte Gurtzeug auf dem nassen Grass bot einfach zu wenig Halt und ich musste handeln. Also versuchte ich mich mit einer Hand am Grass haltend sachte aus dem Gurtzeug und dem Leinensalat zu schälen, was mir zum Glück gelang. Sogar das Funkgerät konnte ich noch aus dem Gurtzeug fischen.
Erleichtert sah ich schräg über mir eine etwas flachere Stelle und begann auf die Ellbogen gestützt rücklings den Hang hochzurobben. Hüfte, Rücken und rechte Hand schmerzten und ich konnte mit den Wanderschuhen nur schwer halt im Gras finden. Aber ich schaffte es bis auf die flachere Stelle im Hang wo ich zumindest auf die Ellbogen gestützt und mit den Wanderschuhen auf Grasbüscheln gestemmt sitzen bleiben konnte. Aber auch die flachere Stelle war noch genügend steil, um auf die Kante zuzurutschen, sollte ich doch noch ohnmächtig werden. Ich setzte einen Funkspruch ab, dass es mir „gut gehe“, ich aber schnellstmöglich die Rega brauche. Kein Wort von meiner misslichen Lage – ausser der Rega konnte mir hier oben ja eh niemand helfen.

Bergung

Die Minuten verstrichen nur langsam. Ich versuchte tief zu atmen und mir einzureden, dass alles halb so schlimm sei. Nach nur 30 Minuten, die sich trotzdem wie eine Ewigkeit anfühlten, hörte ich das Knattern des Rega-Helis. Der Heli flog direkt auf mich zu, drehte kurz vor mir auf die Seite und verharrte, um die Lage einzuschätzen. Wenige Sekunden später drehte der Heli wieder ab und flog seitlich nach oben davon - wohl, weil mein Gleitschirm noch offen in der Nähe lag und so ein direktes Abseilen der Helfer nicht infrage kam. So musste ich weiter ausharren, bis die Helfer oberhalb von mir abgesetzt waren und sich an Seilen gesichert zu mir runterkämpfen. Meine Erleichterung war riesig, als die zwei Notärzte endlich bei mir ankamen. Endlich gesichert und mit Schmerzmittel versorgt wurde ich in ein Netz gehievt, in welchem ich kurze zeit später vom Heli zusammen mit den Helfern hochgezogen wurde. Oben auf einer flacheren Stelle, wo der Heli landen konnte, wurde ich dann aus dem Netz auf eine Bare gelegt, mit Luftkissen fixiert und in den Heli verfrachtet. Danach ging es schnurstracks Richtugn Spital Chur.

Befund

Im Spital Chur angekommen wurde ich gleich am Rücken abgetastet: Erst schien noch alle okay zu sein, nur die Hand sei gebrochen. Die folgenden detaillierteren Röntgenaufnahmen zeigten aber leider zwei gebrochene Wirbel im oberen Lendenbereich. "Sch..." die ausführliche Beschreibung der für den nächsten Tag vorgesehenen Operation schockierte mich dann definitiv: Vier wirbel müssen mit 8 Schrauben versteift werden, was mit einem Schnitt von hinten erledigt werden kann. Zudem müssen aber noch zwei "Cages" zwischen die zwei gebrochenen Wirbel als Stütze geschoben werden, was einen weiteren Schnitt seitlich links beim Brustkorb nötig machen würde, weil das Einsetzen der Cages nur von vorne gemacht werden kann. Um an die Stelle ranzukommen, muss die Lunge kollabiert werden und später durch ein Loch mit Schlauch und Unterdruck wieder geöffnet werden. Die gebrochenen Wirbel müssen zudem noch mit Knochen aus der Hüfte gestützt werden. Ergibt also noch ein weiterer Schnitt an der Hüfte hinten. Ich war froh war Stefan und meine Familie zu Unterstützung da.

Fazit

Die Operation verlief zum Glück sehr gut. Die Schmerzen danach hielten sich in Grenzen. Nur die Übelkeit vom Morphium war mühsam. Aber mit dem Rehabilitieren hab ich Mittlerweilen ja schon Übung. So nah ich bewusst Schritt für Schritt zurück ins normale Leben. Und schon nach vier Tagen konnte ich die ersten Schritte wieder selber gehen. Am fünften Tag genoss ich bereits die Aussicht auf der Dachterrasse des angrenzenden Spitalgebäudes. Was hatte ich doch wieder mal für ein Glück im Unglück!!! Ans Fliegen wollte ich aber vorerst nicht mehr denken.
Und auch jetzt, ein halbes Jahr später sitzt der Schock vom überraschenden Absturz trotz 10 Jahren Gleitschirmflugerfahrung noch tief. Das Kapitel Fliegen ist damit für mich abgeschlossen. Aber zum Glück gibt es ja noch anderes schönes im Leben zu entdecken - nächstes Mal, versprochen, etwas mit weniger Restrisiko.

PS

Am gleichen Tag wich ich ist eine Gleitschirm-Pilotin in Schänis abgestürzt - leider mit tödlichem Ausgang. 20Minuten berichtet (sehr ungenau) darüber: Crash mit Gleitschirm: Pilotin stirbt - Mann lebt. Auch wenn ich nicht wie behauptet "einen Felsen mit dem Schirm touchiert" habe und man über meine "leichten Verletzungen" streiten könnte ;-)